material


Gedachtes, Gehörtes, Empfundenes, Aufgelesenes. Das festhaltend, was sonst huschend vorbeizieht. Wolkenhafte Materialisierungen, Schwebendes, manchmal sogar fast Nichts

no.13

Wenn man es genau nimmt, sind es oft die nebensächlichsten Anteile (eines Songs, eines Buchs, eines Films usw.), die mich entzücken. Z.B. liegt der Kern meiner momentanen Obsession mit dem Song Polaroid/Roman/Photo von Ruth in dem gepressten Widerwillen, mit dem der Sänger das Wort „humanoid“ ausspricht. Und wenn ich überlege, was genau ich an dem Film Nuestro Tiempo von Reygadas mag, fallen mir nur die langen Shots ein, die nichts als rauschende Bäume zeigen (alle andere nur eine mehr oder minder kunstvolle Verpackung um diesen Kern)

Die Skater im neuen Film von Jim Jarmusch, die wie Schwalbenschwärme durchs Bild ziehen und der Gegenpol zu all den eingefahrenen Dynamiken, dem Eingerosteten und Unbeweglichen sind

Man kann die Elemente, aus denen sich die Landschaft, in der man aufwächst, zusammensetzt, als Kind noch so sehr ignorieren, letztlich sind es doch diese unbeachteten Wiesen und Flusstäler, die beiläufig behandelten Hügel, die in ewigen Rekonfigurationen als Schauplatz in den eigenen Träumen wiederkehren. Als sehnte sich ein Teil ständig und hintergründig nach dieser ersten Landschaft, dem eigenen Nullmeridian

Das Gefühl, in der Kabine einer Fastfashion-Kette aus der unbeobachteten Dunkelheit des eigenen Lebens ANS LICHT gezerrt zu werden. Ungnädig sezierendes Licht: unweigerlich finde ich mich geradezu grotesk quadratisch

Zwischen den Jahren: Dieses eigentümlich gestauchte Zeitgefühl (wie das Zögern einer Welle)

Als ich die U-Bahnstation Konstablerwache in Frankfurt verlasse, schlägt der Mann vor mir den Kragen seines Mantels nach oben, zündet sich eine Zigarette an und geht zielstrebig davon. Diese Geste des Nachobenschlagens des Kragens löst ein umfassend zurückgespultes Gefühl in mir aus: für einige Augenblicke lang scheinen die Menschen um mich herum, die in ihren gedeckten Winterfarben vor den funktionalistischen Nachkriegsfassaden über den eindunkelnden Platz huschen, aus dem letzten Jahrhundert zu stammen, der leuchtende Eingang von C&A, auf den ich zusteuerte, und dessen Schaufenster üppig mit Nadelzweigen und weinroten Christbaumkugeln dekoriert ist, ist ebenfalls Teil der historischen Reinszenierung, verströmt altmodische Kaufhausnostalgie. Später schlage ich Genazino auf und finde die Textstelle: Es war das Wort STRASSENANZUG, das die Männer und die Strassen in einen unauflöslichen Zusammenhang brachte. Männer in Strassenanzügen wirkten wie kurz auferstandene Schatten, die sich rasch abdunkelten und verschwanden, um in einer anderen Ecke als Strassenschatten im Strassenanzug wieder aufzutauchen.

I think of the space junk of my consciousness, all of these floating images and objects and narratives (Kate Zambreno- the light room)

no.12

Schnell verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom vorgestellten Lyrikband zur Performance des emeritierten Professors, der schwitzt, zittert, den müden Körper beschwörend hin und her wiegt, die Sätze beinahe schreiend hervorbringt, all dies, um eine Gelehrtheit, die er schon in sich verstaut hatte, noch einmal hervorzuholen, er doziert über Leibniz’ Monadologie, die beste aller möglichen Welten, als er verstummt, pfeift das Mikrophon durchdringend wie in einem Highschoolfilm, zögerlicher Applaus

Kammermusikkonzert: die Gesichter der Musiker*innen schwanken zwischen einer zurückgenommenen algenhaften Innerlichkeit und einem aus der Zeit gefallenen herausfordernden Frohlocken, das mich an Duelle auf raureifbedeckten Feldern denken lässt

In der Bar, die sich wiederholende Choreographie nacheinander hungernder Körper: Das Weichwerden der Blicke und Münder, die spiegelbildhafte Ausrichtung, die sich steigernden flüchtigen Berührungen, die Gespräche, die enger werden, sich auf einen Punkt einpendeln, bis die Worte ganz ausgehen und eine angespannte Stille sich breit macht. Schliesslich die simultane, sturzhafte Befreiung aus diesem zögerlichen Zustand

Hangover-Sein: in einer Nebenkammer des Bewusstseins existieren, die Wirklichkeit wie durch einen Türspalt wahrnehmen

Als ChatGPT unser seitenlanges Gespräch vergisst, muss ich an die Nacht denken, als ich meine demente Grossmutter im Schnee vor der Haustüre fand, ihr freundliches, ihr beflissenes Gesicht

Am Nebentisch ein Gespräch über eine Abtreibung: „(…) then I went through this very lonely procedure (…)“

T. sagt, er habe während seines Konzerts in der Kirche in K., auf dem Land, etwas gespürt, wovon er in der Stadt geschützt sei, er nennt es „die Ahnung der eigenen Mittelmässigkeit“

E. sagt, „these other artists with their big atelier spaces, big sculptures and huge paintings, my artistic practice on the other hand, always on the verge of disappearing…“

Sammlung Prinzhorn, die kaum lesbaren Stickereien in der winzigen Jacke der für verrückt erklärten Näherin: „Mein guter schwarzseidener Kleiderrock ist d. Seide gans beraubt“ und immer wieder „meine Schwester“, „meine liebe Schwester“

„Mein Depressionszimmer“, sagt sie, ein ungelüftetes Zimmer, in dem sich die Dinge übereinander häufen, unterschiedlos nebeneinander existieren, in dem man ungekämmt und ungewaschen tagelang schläft, sich jeglicher Einmischung enthält

Der Himmel über der Stadt erlischt erleichtert, als die Nacht eintrifft, hastig, wie ein zu spät gekommener Gast

Verworfenes, 2025:

Reglose Pools, haarscharfer Hitzeumriss, ein eingeklemmter Himmel

Die Ahornbäume werfen hastig ihre Blätter ab. Ein regelrechter Exzess erfasst sie, die Kronen scheinen unerschöpflich. Eine amorphe Masse, blinde Häufung. Ich tauche die Arme in die prall gefüllten Grünschnittsäcke, ertaste zwischen all dem Kratzenden, Hülsenhaften, eine erdige Feuchtigkeit

Die Frau vom Jobcenter erbarmt sich kurz und setzt ein den Umständen angemessenes schmelzendes Gesicht auf. Dann verschreibt sie mir ungerührt ein Pensum von 5 Bewerbungen pro Woche, einen stahlharten Willen zur Integration. In der Eingangshalle hat sich derweil eine Schlange gebildet. Zwei gutmütige Türsteher scannen QR-Codes auf gelblich gilbigen Briefen, die ihnen die Leute entgegenstrecken. Sie tragen Schlagstöcke, unauffällig ans schwarze Hosenbein geschmiegt

Sie hat sich die Finger an kleinen, holzigen, widerspenstigen Quitten wund geschält. Alle im Haus auffindbaren verschliessbaren Gefässe wurden mit heissem, tieforangenem Quittensud gefüllt, der im Prozess des Gelierens aufhellte und durchscheinend wurde

Sie winden sich im Schritttempo die Haarnadelkurven hinauf. Durch die einsetzende Dunkelheit und das stürzende Wasser hindurch kommt ihnen der Berg im Scheinwerferlicht in abstrakten Ausschnitten entgegen - ein Stück bröckeliger Fels, der sich in der Kurve um die Frontscheibe biegt, vorbei huschendes dorniges Gestrüpp, die schwarzen Umrisse von einigen aneinander gedrängten Kühen. Em fährt konzentriert in die Kurven ein und wieder heraus, Mia schaltet das Gebläse ein, weil die Scheiben immer wieder von innen beschlagen, durch lautes Rauschen hindurch regnet Beth Gibbons Stimme ins Innere des Autos

Sie parken am Strassenrand, steigen aus, laufen in die baumlose, schroffe Landschaft hinein, über felsigen Boden, der mit dicken mit Wasser vollgesogenen Moospolstern bedeckt ist. Em hat sich in einen grossen Schal eingewickelt, der ihr dramatisch um die Schultern weht, sie geht voraus, klettert flink auf einen Felsen, richtet sich auf, im Fastdunkeln sieht sie aus wie eine unheimliche Vogelscheuche, eine Zigarette glimmt auf, sie winkt Mia zu, ruft etwas, das Mia nicht verstehen kann. Mia ruft „Waas? Waas?“, Em lacht, winkt ab

Ich erinnere mich, dass ich durch das Viertel lief, in dem sich ein modernistisch anmutender Sichtbetonklotz an den anderen reihte, dass ich an der breiten Einfahrt vor einem dieser Klötze stehen blieb und von Weitem durch die Verglasung eine Familie beim Abendessen sah, Mutter, Vater, zwei Kinder, und dass ich darüber nachdachte, wie unglaublich es ist, dass es Menschen in der kurzen Lebensspanne, die ihnen zur Verfügung steht, gelingt, sich in einen so elaborierten, so voraussetzungsreichen Zustand zu versetzen

no.11

Geborstene Fenster, durch die Nachtkühle in die leerstehende Fabrikhalle einzieht. Es ist stockdunkel als wir ankommen, unsere Handylichter werfen zitternde Lichtspuren, die der Dimension des Raums unterlegen sind. Nur am raschelnden Schlafsackstoff und tiefen Atemzügen sind in den unbelichteten Winkeln eine unbestimmte Zahl von Schlafenden auszumachen. Ich schrecke nachts auf meiner Pritsche auf, weil irgendwo jemand im Traum laut auflacht, irrlichtere frierend durchs Gebäude auf der Suche nach den Treppen, die mich zu einem Gebüsch führen mögen. Als wir am nächsten Mittag an der Freiluftküche anstehen, dreht sich K. mit hochgezogenen Augenbrauen zu uns um: Do you think it is a forky or a spoony situation?

Was beim Saubermachen einer Bar am meisten ins Auge fällt, sind Unmengen von Haar, die sich überall in grossen Knäueln sammeln, als wäre eine grosse Perserkatze durch die Nacht gestreift

Durch die Fenster des "Trois-Rois" sind schwere Vorhänge zu sehen, goldenes Licht, ein mannigfaltiges, geheimnisvolles Spiegeln. Mit der Bierdose in der Hand bemühe mich, Gesprächsfetzen auf dem Balkon zu erhaschen. Ich höre: Ein Hüsteln. Dann: Gerhard, kasch mir no es Glas Wi bringe.

Selbst aus dem internationalen Raucher*innenabkommen scheint die Schweiz ausgestiegen zu sein (ich lese jedes Mal Unwillen in den Gesichtern, wenn ich um eine Zigarette bitte). Und jedes Mal sehne ich mich dann nach Kadıköy, wo man die Packungen zu Beginn des Abends in die Tischmitte schmeisst

Kind 1:
Es sollte möglich sein, an der Marke des Weichspülerdufts, die ein Kind umgibt, so etwas wie sein Schicksal herauslesen
Kind 2:
Das circa dreijährige Kind am Nebentisch, das noch keinen Begriff von Gesellschaft, von Staat und Gesetz hat, singt begeistert die Polizeisirene mit

Das alte Vorurteil lautet: Menschen leben nur noch durch ihre Telefone, setzen sich den Erlebnissen nicht mehr aus. Dagegen spricht der eingebaute glossierende Effekt der Iphones: Der Fluss noch glänzender, das Abendlicht noch goldener – nicht nur das Festhalten, sondern auch das Verklären der Erinnerungen ist an die Geräte delegiert. Die so entstehenden glänzenden Archive sind für niemanden gedacht – indem man sie nicht anrührt, erfüllen sie ihren Zweck

Dinge, die ich geerbt habe: Die nervöse Angewohnheit des Rauchens, der Zorn darüber, verkannt worden zu sein (oder Gefahr zu laufen, verkannt zu werden) und einen ungnädigen Perfektionismus als sein Gegenstück, die Tendenz zur Apathie, dazu, sich das Leben bloss auszumalen (alles davon aufs Undurchsichtigste miteinander versponnen)

Die Beharrlichkeit der Pflanzen, die mehr Triebe, mehr Ableger, mehr Knospen bilden, sobald sich die geringste Möglichkeit bietet. Oder dieser Moment, wenn man einer Zimmerpflanze einen neuen Platz zuweist und sie sich innerhalb weniger Tage mit schlafwandlerischer Sicherheit zum Fenster hin orientiert (ich ertappe mich in der Hoffnung auf dieses Pflanzliche). Gleichzeitig erinnere ich mich an den Schrecken, der mich, elfjährig, in der Umkleidekabine überkam, als die Gespräche um mich herum mit einem Mal dieses klassisch-Pubertäre annahmen. Im Nachgang kann ich sagen: Es war die Angst davor, als einzige von der Natur übersprungen worden zu sein

Was mich an dem „Gluckigluck-Krug“ interessiert: (1) Mit dem Handarbeitssnachweis auf der Sockelunterseite und der gleichzeitigen Erschwinglichkeit ist der Gluckigluck-Krug emblematisch für eine bestimmte internetinformierte durchkuratierte Häuslichkeit. Mir scheint, besonders männliche Personen, deren Ästhetizismus nicht geerbt ist, sind dafür empfänglich. Typisch für diese Häuslichkeit ausserdem: eine exquisite Vinylsammlung, Vintagemöbel neben verchromten Bücherregalen, mehrere schöne alte Fahrräder, an denen mit Hingabe geschraubt wird (alles mit solcher Vorsicht arrangiert, dass man sowohl die Spur alter Klassenscham, als auch die Zittrigkeit eines gegen den Vater durchgesetzten neuen Männlichkeitstyps herauswittert). (2) Auf der Webseite des Gluckigluck-Krugs wird auf eine Affinität zum britischen Königshaus verwiesen. Der Form nach (das übertrieben aufgerissene Maul, die ornamental stilisierte Elastizität des Fischleibs) entstammt der Krug einer fernen Welt der tickenden Wanduhren, der gestärkten Hauben und Schürzen, der kalten Morgentoilette mit Hilfe einer Waschschüssel, in die man mit eben einem solchen Krug Wasser eingiesst usw. In der zeitgemässen pastellfarbenen oder silber- und goldglänzenden Lackierung wird dieses Universum besitzbar gemacht. Das verdrängte konservative Begehren kehrt in bonbonhafter Umhüllung zurück. (3) Das „ikonische“ Gluckgluckgeräusch ist laut Webseite den „echten“ Krügen vorbehalten. Gewarnt wird vor der schlechten stummen Kopie aus China. Die darin angelegte Differenz zwischen einem wahllosen, stumpfsinnigen und einem moralisch verfeinerten, traditionsbewussten Kapitalismus (das Evozieren dieser Differenz als Verkaufsargument)

In allen älteren Schweizer Kunsterzeugnissen windet sich irgendwo ein Kätzchen um den Zaun. Sogar Robert Walser hat diesen Zug

Gehörtes:
N. sagt, (…) in solchen Situationen werde ich dann zur Ameise auf Wortsuche.

A. sagt, mit Blick auf den Mond, müde feststellend: (…) viele Jahrhunderte später – and still the same floating piece of rock.

Über eine Grossmutter, die Keramikerin ist: She still throws.

Er sagt, an den Tresen gelehnt: So lange wandle ich ich nun auch wieder nicht auf unserem blauen Marmorboden.

no.10

Exzess des Konservatismus: Die Versteifung auf die Vergangenheit der Vergangenheit (deren Realisierung nur in der amischen Abschottung vor allem Neuen gelingt), Exzess der Progressivität: Die Versteifung auf die Zukünftigkeit der Zukunft (deren Realisierung nur in der Zurückweisung jeder Beständigkeit, in der Formlosigkeit gelingt). Beides basiert auf einer linearen Zeitvorstellung

Kants religiöses Nadelöhr: Glaube nicht als etwas, das einem rationalen Weltverständnis entgegensteht, sondern in ihm enthalten ist. Wir können nicht überprüfen, ob die geteilten Formen der Anschauung mit dem übereinstimmen, was unabhängig von uns Menschen wirklich ist (Ding an sich). Wir müssen allerdings davon ausgehen, um nicht wahnsinnig zu werden. Glaube ist das, was den Verstand von der Psychose (dem Abgleiten in eine Privatwahrheit) trennt

Aus dem Zugfenster: Die Sonne weiss, unscharf, sumpfig, eine hinter einem grossen Bettlaken aufgespannte Lampe. Vor dem gelblichen Himmel, der bis zum Boden reicht, schattentheaterhaft schwarzes, ratterndes Geäst

Hypochondrie als misstrauische Zuspitzung wissenschaftlicher Objektifizierung: den eigenen Körper aus einer solchen Ferne betrachten, dass er als Ort verborgener bedenklicher Vorgänge erscheint

Marseille: im Nachmittagslicht gleicht das Hafenviertel einer Ansammlung herumstehender heller Kommoden

Universale Erfahrung: Im Aus deux Moulins ducken sich die Menschen hastig unter dem alten Holzbalken über der Tür hindurch, schütteln die triefenden Haare, während Wasser die rampenähnliche Strasse herabströmt. Das gemeinsame dem- Regen-entronnen-Sein sorgt für feierliche Stimmung, es wird gescherzt, gelacht, bald beschlagen die Fenster von innen

Falsches Jahrhundert: Der Kellner im Bistro vor dem Bahnhof von Lyon begrüsst und verabschiedet jeden einzelnen Gast persönlich, er weht um die Tische herum, ist irgendwie immer sofort zur Stelle, seine Bewegungen, mit denen er beiläufig abräumt und abwischt ohne jemals den Blick vom jeweiligen Gegenüber abzuwenden, sind aus einem Guss, er fragt: Qu’est-ce qui vous ferait plaisir? Später die DB-Mitarbeiterin, die mir den Kaffee mit den Worten „Bitte, die Dame“ hinstellt

Ausreichender Grund, etwas nicht zu tun: I would be entirely consumed by it

Europaparkgefühle in der Asia-Abteilung von Rewe. Im Herzen des Kapitalismus letztlich eine Rührseligkeit: we are the world, we are the children usw.

Ich werde aus wirren Gedanken über die Ästhetik des Widerstands gerissen, weil sich Zeltstoff auf unsere Köpfe herabsenkt. Diese Abteilung der Demo entpuppt sich als Umkleidekabine des schwarzen Blocks

Empfehlung für einen Besuch des Highgate-Cemetry in London: die verwitterten Namen 27-jähriger viktorianischer Frauen, die bei der Geburt ihres fünften Kindes ihr Leben verloren, samt der Namen der drei Kinder, die vor ihnen gestorben sind, moosiges Zwielicht über abgesunkenen Grabsteinen, über allem Marx’ Kopf, Marx’ gewaltiger Kopf

the possibility of absence lends urgency to the presence

Solastalgie: Trauer über den Verlust des eigenen Lebensraumes, was als Wegbrechen der eigenen Seinsgrundlage erfahren wird

Zirkulat: Ein Schreiben, das die Runde macht (schöner Helvetismus)

Beim Kreuzworträtsel-Lösen den Zustand halluzinatorischer Hellsicht erreichen, in dem es gelingt, Ablagerungen des kulturellen Unbewussten anzuzapfen

Frühling: einzelne Hecken und Sträucher lösen sich als bunte Abziehbilder von einem monotonen Hintergrund ab

William Basinski- Konzert:
Die Schönheit elektronischer Musik kommt dann zur Geltung, wenn sie absichtlos wie ein Windspiel klingt. Man hat das Gefühl, dem Beweis einer nichtmenschlichen Realität beizuwohnen (wie beim Hörbarmachen der Erdvibration). Der wahrnehmbare Ausschnitt zeigt das Ausmass dessen an, das uns entgeht. Dazu passt Basinskis Autreten als abgehalfteter Showmaster, der seiner moderierenden Rolle müssig geworden ist, sie nur noch im Suff erträgt

Auf dem Waldboden noch halbaufgelöste bleiche Laubgeister von vergangenem Jahr

no.9

(i) Nachts um 4: ein seekrankes Gefühl, allerdings nicht: ich befinde mich auf einem Schiff, sondern: ich bin die See
(ii) Nachts um 4: lautes Knarren und Ächzen wie altes, schwerfällig arbeitendes Eis (so stelle ich es mir vor), das Geräusch schien aus meinem Zimmer zu kommen, muss jedoch Teil des Traums, also in mir gewesen sein (A. sagt: die Psychoanalyse ist die Methode, die inneren Gebirge begehbar zu machen)

Er spricht, als müsste er die Sprache erst mit einer gewissen Umständlichkeit und Sorgfalt aus einer Tiefe heraufholen

Im Fitnessstudio, kurzes Anheben der Kopfhörer: die offizielle Musik ist ausgegangen, nur das Schaben der Geräte ist zu hören - auch die anderen in die Privatheit ihrer Körper abgetaucht

Seit sie fort ist: das Wort Wirklichkeit hat einen anderen Klang (allerdings liesse sich der Unterschied kaum erklären). Genau wie dann, wenn Leute mich fragen: Wie geht es? Und ich sage: ich fühle mich entmuttert.

Gespräch mit T. über die Un(mit)teilbarkeit der Ich-Erfahrung. Es besteht immer Zweifel darüber, dass die anderen das Leben genauso akut erfahren, ebenso so situativ, reaktiv, horizontisch organisiert (Husserl), anders gesagt: so ungeschützt sind wie ich selbst

Zugfahrt nach Basel: Die zwei Rentnerinnen gegenüber unterhalten sich ausführlich über das Fleischkäsebrötchen, das die eine der beiden gelegentlich bei der Metzgerei ihres Vertrauens einkauft (Weisch, de han ich scho Zmittag ka). Verkapselte Utopie: So leben zu dürfen, endlich aus dem Auftrag entlassen zu sein.

Die Jovialität der Jahresrückblicke, die mein Handy produziert

Eindruck der Flaumigkeit beim Aufziehen der Toskana: Flaumige Alleen, flaumiges Licht, die Hügelketten wie achtlos hingeworfene staubige Samtmäntel

Uffizien: Buttrige, rosig schimmernde Haut, die über sich selbst auf das Lebendige schlechthin hinauszuweisen scheint, wie überhaupt alles an diesen Bildern über sich selbst hinausweist, so auch die Hände, die aus sorgsam drapierten Stoffbahnen hervorschauen (die Porträtierten so offensichtlich innehaltend, so offensichtlich bis in die Fingerspitzen von einem allegorischen Bewusstsein erfüllt, den Blick in die unbekannte Zukunft gerichtet, für die sie ihren Stand, ihre Werte, ihre Zeit verkörpern)

Ein an einer Steilküste gebautes Dorf, in dessen winziges Hafenbecken Tag und Nacht das Meer herein donnert: Die Leute müssen ihren Schlaf, ihre Gedanken, ihr Leben um dieses ständige Donnern herum gebaut haben (um die Möglichkeit, hinweggespült zu werden)

Nachts: stechende Sterne, sogar ein Käuzchen

I want to save the earth, because I need a pretty graveyard (Ocean Vuong: Time is a Mother)

no.8

Novembertag, ich finde Trost im Wind, der die verschrumpelten, braunen Blätter unter den Platanen über die Pflastersteine treibt. Die Tröstlichkeit liegt nicht im Anblick, nicht in der tänzerischen Anmut der in die Luft gehobenen und sich wieder absenkenden Blätter, auch nicht im geisterhaften Effekt des scheinbaren Belebtseins (der Wind als negative Grösse, die sich nur indirekt bemerkbar macht), vielmehr ist der Trost in dem dabei entstehenden schabenden Geräusch enthalten (Hinweis auf die mechanische Verfasstheit der Welt, ihre Gesetzmässigkeit).

Ich bleibe stehen
die schneebeschwerten Bäume harren lautlos aus

Hetero-Beziehungen entsprechen der Norm, daher der Beigeschmack des Ungenierten: als würde etwas eigentlich Unaussprechliches ins Licht gezerrt, dingfest gemacht (Was?) Vgl. „families are on display- that’s part of how they function“ (Rachel Cusk: Coventry)

Zeitgenössische Metaphern: Der Kopf rattert wie eine Suchmaschine, sie wünschte, sie könnte von ihren Gedanken einen Screenshot machen usw. (das „Rattern“ allerdings beinahe vorindustriell)

Verdacht:
Dass die Unvereinbarkeit eines religiösen und eines naturwissenschaftlichen Weltbildes sich letztlich auf eine unterschiedliche Deutung der physischen Beobachtbarkeit des Sterbens zurückführen lässt. Während die religiöse (kontemplative) Perspektive im körperlichen Rest, den das Sterben hinterlässt, den Beweis eines Verlassenwordenseins erbracht sieht (Ursprung der religiösen Metaphorik: die Seele ein Schmetterling), und damit keinen Anlass zu Handeln wahrnimmt, entspinnt sich im Fall der naturwissenschaftlichen (interventionistischen) Perspektive am Faktum des unbelebten Körpers, der gemäss seines Bestehens (und nicht Verschwindens) nicht anders als kaputt wahrgenommen werden kann, eine Art frankensteinischer Furor

Im Zug, Gespräch zwischen Schülerinnen, eine redet sich in Rage: „Ich mag Gedichte eigentlich, ich mag nur nicht, dass es sich reimt. Ich meine: Hör auf damit, hör einfach auf, schmeiss deinen Federhalter weg oder was auch immer.“

Im Flugzeug, die Städte leuchtende Wunden

no.7

Sommerbild: Sie steht, das E-Zigarillo zwischen zwei Finger haltend, ungeduldig mit den nackten Zehen wippend, mit verwirbeltem, nachlässig aufgetürmten Haar, inmitten einer Wassermelonenwolke, wartend auf die Tram

Die Häuser im Dorf stehen lückenlos aneinander, sie stützen sich gegenseitig, umarmen sich. Jede Wand ist immer auch die Wand des anderen: die Gespräche gehen durch sie hindurch, Küchengerüche, Musik, Kinderschreien. Abends verbreitet sich die Nachtruhe schlagartig im Dorf. Bald schon schnarcht es auf der anderen Gassenseite. Als drüben morgens der Wecker losgeht, taste auch ich solidarisch im Bett umher.

Nach dem Zerreissprobensommer setzt ausgestreckt auf einem Felsen, von der Sonne landschaftlich übergangen, ein gleichgültiger Echsenfrieden ein

Einige Grundsätze über die Rolle von Handschuhen in der Pflege (entgegen der christlichen Mutter-Teresa-Überformung von Pflegeberufen):
(1) Der Handschuh sichert die Würde der Gepflegten und der Pflegenden: inmitten der Abstandslosigkeit markiert und produziert er zwischen ihnen eine Lücke, eine reale und zugleich symbolische Form der Diskretion
(2) Der Handschuh lässt jede Berührung sachlich, fast unpersönlich werden. Er verleiht den Händen eine professionelle Behutsamkeit, löst ihr Feingefühl von jeglicher persönlichen Implikation (z.B. Begehren)
(3) Der Handschuh ermöglicht der pflegenden Person eine Überwindung von Impulsen wie Ekel oder Scham. So ist die durch den Handschuh gefühlte Nässe eine verhaltene Nässe, ein sublimierte Nässe gewissermassen. Die pflegende Person bleibt von der Körperlichkeit der Situation ein Stück weit verschont
(4) Das Überziehen der Handschuhe ist wie das Überziehen einer Uniform: eine ganze Zunft und eine Geschichte formiert sich in dieser Geste. Der Handschuh markiert den Unterschied zwischen Beruf (gesellschaftlich) und religiöser Berufung (persönlich)

Ausweitung der Schmerzgrenze: die bekümmert aussehenden Bäume, mit ihren eingerollten, sich frühzeitig braun färbenden Blättern, brechen mir neuerdings das Herz (etwas Hoffnungsvolles trotz allem in diesem Gefühl: die Überwindung taxonomischer Gräben, sich um die Bäume sorgen wie um kranke Verwandte usw.)

Spätestens die Klimakrise zeigt: Der Freiheitsbegriff, der unserer Gesellschaft zugrunde liegt, muss feministisch korrigiert werden (nicht frei von, sondern frei mit, persönliche Freiheit nicht als (nur körperlos zu denkende) Losgelöstheit, sondern als eingedämmt von und zugleich kraftschöpfend aus einer aufs Unübersichtlichste wuchernden weltlichen Verstrickung)

Eine Werbeschild für Bedachungen löst in mir die Sehnsucht nach einer Umarmung aus (Blumenberg: Über die Trostbedürftigkeit und gleichzeitige Untröstlichkeit des Menschen)

Sie sagt: Mich nervt das total, Männer schreiben immer so monumental

Die Frau gegenüber: Ihr Mund bildet ein erstauntes O sobald sie eingeschlafen ist

no.6

Ich stelle fest: Mit der Stadt, in die ich inzwischen nur noch selten zurückkehre, verhält es sich wie mit einem alten, verstimmten Klavier: nichts geht in ihr verloren, alle Gespräche von damals klingen schummrig, wie aus grosser Tiefe aufsteigend, noch immer in ihr nach

Sola Scriptura: Niemals wird die protestantische Knöchernheit der Schrift die katholische Saftigkeit der Malerei imitieren können (überhaupt die Verwandtschaft zwischen dem entsinnlichten (die Sinnlichkeit aufschiebenden, ihr nachtrauernden, sie wie eine Erinnerung heraufbeschwörenden) Verweischarakter der Schrift und der protestantischen Entkörperlichung: das Leben nicht als faktischen Zustand, nicht als vollends wirklich zu verstehen, es vielmehr als eine Art Fussnote zum Jenseits behandeln)

Um vier Uhr morgens mordlustig im Bett liegen und Abgangsreden komponieren. Beim Rausgehen am nächsten Morgen dann doch nur einsilbig „Tschüss" sagen

Wer auf eine lässig-beiläufige Art gebildet ist, ist in der Lage, einen gesellschaftlichen Fauxpas als charmante Verschrobenheit erscheinen zu lassen (Tilda Swinton, die in einem Glaskasten im MoMA öffentlich ein Nickerchen macht, ist eine gelungene Illustration für diese über der gesellschaftlichen Ordnung schwebende bourgeoise Unantastbarkeit. Umgekehrt schafft sie es auch, „niedere" Tätigkeiten, wie z.B. das Waschen stinkender Hunde irgendwie mondän und originell wirken zu lassen)

Sie sagt: Ich genoss es damals, in der Stadt abzutauchen, nur die Menschen zu sehen, die ich sehen wollte, nur mit den Menschen zu sprechen, mit denen ich sprechen wollte - irgendetwas an diesem Wort „abtauchen" öffnet den tiefen Graben eines verschütteten Gefühls in mir

Die enervierende Gesellschaftslosigkeit derjenigen Leute, die in der Gondel ausschliesslich von ihren Trailruns, Aufstiegen und Berghüttenwochenenden erzählen, die mit ihrem Plastikbesteck klappern und ihren Funktionsstoffen rascheln, die die Berge als eigens für sie programmiertes solipsistisches Abenteuerspiel betrachten

Der Gletscher liegt am Berg wie ein grosses verendendes Tier, das in tausend Wasserrinnsalen den Hang hinabblutet

In grossbäuchiger Milde geht der Mond über der Lichtung auf, taucht die Zeltspitzen in weisse Tinte

Vor jeder Aussicht: das Gipfelkreuz als eine Art göttlicher Hashtag

Über uns die Nacht hat aus den dunkelsten Ecken ihrer Erinnerung etwas herausgeholt und hat dieses Etwas zwischen der Orthodoxkirche, dem Esel, der blinden Frau und mir in der Luft leise verteilt.  Emine Sevgi Özdamar

no.5

Im Spezialassistenzbereich des Flughafens, ein Flug nach Istanbul steht an. Eine Reihe Enkel schaut händeringend dabei zu, wie ihre hüftkranken Grossmütter in Rollstühle verladen werden. Bei jedem unwirschen Griff des Flughafenpersonals schreien sie auf. Nach vielem Geherze und Geküsse werden die Grossmütter, deren Mienen divenhaft reglos bleiben, an den hysterischen Enkeln vorbei zur Sicherheitskontrolle geschoben

Die anziehende Angezogenheit der Stewardessen: Die Weiblichkeit, die sie verkörpern, hat etwas Nostalgisches, wenn nicht Viktorianisches an sich (der Bleistiftrock, das Halstuch, die strenge Frisur, die akurat geschminkten Lippen, die undurchdringliche Freundlichkeit). Ihre unverschwitzte Formvollendetheit wird durch die Weise, wie sie schläfrig ihre Ansagen in die Sprechanlage leiern, nur verstärkt

Palmen rauschen nicht im Wind, sie knattern im Wind

Ein echter Kauz ist eine Person, die erfolgreich eine Art Rille oder Falte ausgemacht hat, in der sich das Zeitgeschehen unbeschadet überstehen lässt: In dieser Falte im Mantel der Geschichte lebt es sich völlig unbeeinflusst von Faktoren wie Mode oder gesellschaftlicher Anerkennung

Das Mode-Paradox: In dem Moment, wenn etwas ein massenhaftes Phänomen, das heisst Mode wird, ist der ursprüngliche Impuls, der es allererst interessant machte, längst erloschen (Ähnlichkeit zum Gentrifizierungs-Paradox)

Eine Strandpromenade ohne Sonne ist des Sinns beraubt, denn es handelt sich um die wichtigste Zutat im Angebot der Ladenmeile. Wenn sich die Wolken zusammenziehen, verwandeln sich die Sonnenhüte, Liegestühle, Cocktails augenblicklich in wertlosen Plunder

Das Wunder guter Ohrstöpsel: inmitten des grössten Tumults tut sich eine kleine Bibliotheksstille auf

Der Wunsch, nichts bzw. nichts als die Sprache zu schreiben und der Umstand, dass jedes Schreiben einen Anlass braucht (auch wenn der Anlass ist, ohne Schreibanlass zu schreiben), widersprechen sich und ergänzen sich zugleich. Zwischen ihnen herrscht ein wechselseitig parasitäres Verhältnis - das heisst, sie brauchen sich gegenseitig auf

Abends gilt an der Strandpromenade ungebrochen das heteronormative Reissverschlussprinzip: Zu jedem schweigsamen Muskelprotz mit Schweissrändern unter den Achseln gesellt sich sein von einer süsslichen Duftwolke umgebenes, plapperndes Pendant

Als ich dem kapitalistischen Hexenkessel entstiegen bin, sticht mich eine Kaktusfeige in die Wade und gibt mir den Sinn für meine Wirklichkeit zurück

Die nachhaltigste Weise, sich für den Markt interessant zu machen, ist zu sterben (die Rarität, die durch den irreversiblen Verlust entsteht und darin das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf den Kopf stellt, lässt ihn geradezu aus dem Häuschen geraten)

no.4

Eine Art Scham angesichts der schäumenden, quellenden, grün ausbrechenden Bäume: Wann habe ich das letzte Mal einen solchen Lebensdrang verspürt? das Leben so unbedingt bejaht, so verfolgt mit allen Kräften, die mir zur Verfügung stehen? (Élan vital sagt Bergson)

Damals nach dem grossen Streit, als die Bergstille uns gleichsam zu verschlucken drohte, flüchteten wir uns beim Abstieg in monarchische Formeln vollendetster Höflichkeit

Eine Realistin hat leider immer Recht, weil die Wucht der Verhältnisse auf ihrer Seite ist (ohnehin ist immer ein sehr realistisches Wort)

In meinem sorbetfarbenen Zimmer versuche ich das sorbetfarbene Glück der Zeit im Café wiederherzustellen: das Zischen und Fauchen der blankgeputzen Maschine und die Weite der blankgeputzen Sonntage und ich darin, Gläser polierend, auch mein Lächeln war poliert, ich liebte diese dem Anfassbaren verhafteten Emsigkeit, die mich so übereinstimmen liess mit meinem Ort

Die Schein-Nähe einer Zoom-Konferenz kippt dann ins Unerträgliche, wenn am anderen Ende, in diesem eigenartigen Zimmer, diesem Vorzimmer zur Wirklichkeit, jemand schweigt und sitzt und weint und du würdest gerne trösten, würdest gerne hindurchgreifen durchs Glas und auf einmal sind deine Hände nutzlos geworden, dein ganzer Körper ein hilfloses Anhängsel an deine Stimme und es ist plötzlich klar, dass Trostschenken etwas ist, wofür man Hände braucht, wofür man ein lebender Körper neben einem anderen lebenden Körper sein muss. Und dann klappt das Fenster zu und irgendwo in diesem endlosen virtuellen Korridor existiert jetzt ein weiteres dieser Wartezimmer, eine weitere Abzweigung im Labyrinth vergangener Gespräche.

Eine Kartoffel, der man wirklich ansieht, dass sie eine Ausgeburt der Erde ist, ein schmutziges, unförmiges, pockennarbiges Ding, entlarvt „Natur" als Imaginäres (der unmögliche Blick auf die eigene Perspektive)

Der Schweiz-Schock: Wenn unter der zuckrigen Glasur (sogar die Polizeisirenen klingen wie Alphörner, sagt F.) diese Unbeweglichkeit, diese feindliche Unnachgiebigkeit im Innern spürbar wird

Ich bin zwar ein Katzen-Mensch, aber ich habe eine unleugbare Schwäche für Hunde, die wie übergrosse, traurige Fledermäuse aussehen

Prähistorische Projektion: Zwei Bagger, die mit langen Hälsen und gemächlich, als würden sie Grasbüschel rupfen, ein Hochhaus entkernen, dem die Rohre und Stahlgitter wie Eingeweide aus der Brust hängen

Die bemerkenswerte Unempfindlichkeit jener Leute, die im vollen Zug ihr Handy wie ein Taschenradio verwenden und alle Anwesenden teilhaben lassen am aktuellen Soundtrack ihres Lebens

T. sagt, die Sprache ist das Tier, das im Augenwinkel enthuscht; anderswo las ich, in der Kindheit sei das Leben ein handzahmes Tier, das sich dir zu Füssen legt - das Tier steht in beiden Fällen für ein Enigma, für eine Unbegreifbarkeit

no.3

Auf einer Trauerkarte die Aufschrift „Ohne Worte". Dann, wenn es einmal um etwas geht, entlarvt sich Sprache selbst als Dekor.

Philosophie-Seminare sind Fundnester für romantische Gedanken: Gedanken, die nur darum artikuliert werden, weil sie auf eine pittoreske Art existenziell anmuten

Tinguely's Maschinen tun streng genommen nichts: sie zerren und schieben, nicken und hämmern, kurbeln und scheppern introvertiert oder nachlässig, fleissig oder überenthusiastisch vor sich hin. Es ist ihre Nutzlosigkeit, die sie zu singulären Charakteren macht, es ist ihre Vergeblichkeit, die mich rührt

Vermassung als die Bedingung der künstlerischen Moderne: man musste sich als eine*r von zu Vielen fühlen, um das Bedürfnis zu entwicklen, sich als Einzelne*r hervorzutun

Schriftsteller*innen, die nicht schreiben, weil ihnen ständig das Leben dazwischen kommt und die darin dem hartnäckigen Vorurteil aufliegen: dass das gelebte Leben die Quelle des Schreibens sei

In der Tram aus allgemeiner Dünnhäutigkeit heraus in Tränen ausgebrochen. Während ich verlegen nach einem Taschentuch suche, fällt der Blick auf die Sitzreihe hinter mir. Eine Frau betet die Lippen lautlos bewegend und mit starrem Blick einen Rosenkranz. Die Tram ist sonst leer. Das lautlose Gebet übertönt kurz das Keuchen und Quietschen der Schienen

Es gibt eine Zone der Fremdheit um dich, die ich hin und wieder durchsteigen muss (und es ist, als müsste ich mir dabei die Ohren zuhalten, so sehr muss ich deine aufdringliche Fremdheit ignorieren)

Die quasi-magische und irgendwo rührende Überzeugung, mit der richtigen Wortwahl die Geschichte befrieden zu können

Es ist die vollkommene Unrelationalität von Selbstmord, die ihn so schrecklich macht (eine Selbstmörderin verhält sich in ihrem Selbstmord nicht zur Welt, sondern lässt sie hinter sich)

Nachbarschaftliche Koexistenz: ein entkörperlichtes Husten springt nachts plötzlich aus der Wand. Am nächsten Morgen im Treppenhaus ist es unmöglich, dieses Husten an den Menschen zurückzubinden, der vor dir keuchend und pantoffelschlurfend zum Briefkasten hinabsteigt

Mit dem Körper der Mutter ist für immer Weichheit und Zuflucht, ein Schutzversprechen verbunden: der unmögliche Schutz vor der „Jemeinigkeit" (Heidegger) der Existenz

Der hünenhafte Ire schwankt im Alkoholrausch wie ein Baum im Sturm und klammert sich mit beiden Händen am Türrahmen fest, um nicht zu fallen. Als hätte er sich selbst ins Wanken bringen müssen, weil die Welt so unnachgiebig bleibt

Auf die im Kontext naheliegende Frage: Wünscht du dir eines Tages Kinder? Antwortete er: Dann wäre ich immer nur der, der nutzlos in der Ecke rum steht

Sie sitzt auf dem Holzstuhl mit der natürlichen Autorität eines Berges (betreten um die Küche herumschleichen, weil sie darin so gebirgshaft sitzt)

Als ich zurückkomme, sehe ich dir an den Mundwinkeln an, dass du mir noch nicht verziehen hast

William Carlos Williams:
JUNGE FRAU AN EINEM FENSTER


Sie sitzt mit
Tränen auf

ihrer Wange
ihrer Wange auf

ihrer Hand
dem Kind

auf ihrem Schoss
seine Nase

gepresst
an das Glas

no.2

Morgens um halb 7: die Vögel machen SCHÖNEN Lärm

Ironie: die Jugend verpasste während der Pandemie ihre Jugend. Für mich war die Reduktion der offiziellen Welt auf ein Bildschirmflimmern mehr eine Fristverlängerung (unsere Küche wurde vorübergehend die „Saufküche“ genannt)

Die Frage, ob es ein romanhaftes Lebensgefühl braucht, um einen Roman schreiben zu können. Schliesslich kann dieser resümierende Blick aufs Leben nicht erst im Schreiben einsetzen, oder?

Schlaflosigkeit:
Als stündest du am Rand einer Klippe und trautest dich nicht, zu springen. Äusserliche Simulation von Reglosigkeit, um das innere Geschwätz zu ersticken. Es hilft nichts. Erst wenn es draussen hell wird: Tag, ah der Tag - aus lauter Erleichterung einschlafen.

Seit längerem das Gefühl, auf der Strasse vermehrt Blicke älterer Frauen auf mir zu spüren. Sie scheinen mir wohlwollend gestimmt, manchmal lächeln sie mir zu. Gefällt ihnen, was sie sehen? (mein Aussehen? mein Verhalten? Weiche ich wohltuend von etwas ab? Oder sind sie belustigt?). Ich entscheide mich, die Blicke feministisch zu deuten. So wie damals, als die Kellnerin abwinkte, als wir zahlen wollten, das Glas hob und raunte: longue vie à la femme!

Etel Adnan: „In Barcelona, the women, when in the street, don’t seem to consciously play a role, or live an exception: they are part of humanity, of a place, of a climate, of a country. They remind me that it is interesting to be alive, to be a human being, to be part of a precise moment in time and space (…).“ (Of Cities & Women)

Albert Anker sammelte die letzten Überbleibsel der vorindustriellen Welt in einer Schmuckschatulle und setzte sich schliesslich selbst hinein (sein Atelier wie eine Miesmuschel: hermetisch gegen die Zeit verschlossen)

ALTE LADIES MIT E-GITARREN!

to fall for someone. Eher ein sich über Monate hinziehender langsamer Erdrutsch. Auf einmal blickst du auf und das Terrain hat sich grundlegend gewandelt (wie gewisse Begegnungen uns geradezu neu formieren)

Im Kino: Vor Vorstellungsbeginn werden Städtenamen eingeblendet. Paris, London, Brüssel, Barcelona, Lissabon, Moskau. Die suggerierte Simultanität löst Wehmut aus, ähnlich der Flughafen-Euphorie: Aufblitzen der Utopie eines planetarischen Selbstverständnisses, eine Art Weltstolz

Nach dem Friseurbesuch: die Haare noch etwas überrumpelt von der eigenen Kürze

Die in allen möglichen Situationen und sozialen Konstellationen sich einschleichende Reihenhaus-Phantasie: dass sich etwas im Leben endgültig abschliessen lässt (und endlich Ruhe einkehrt)

Nachts auf dem Balkon: dem Walgesang der Strassenbahnen lauschen

no.1

Das jahrelange Vermeiden romantischer Konkretion: es soll vage bleiben, ausseralltäglich. Es soll in der Unwirklichkeit der Bars und der Nächte verpuppt bleiben, reine Möglichkeit, ewige Liebes-Larve (das Romantische einer Romanze ist ihre Anbahnung)

Die tiefe Befriedigung des Spülmaschinengeräusch. Eine beschwichtigende Mütterlichkeit geht von ihr aus

Frühmorgens an der Haltestelle bei Minusgraden: Eine Frau hält einen kleinen, in eine Decke gewickelten Hund in den Armen. Trotzdem schlottert er vor Kälte. Dieses unfreiwillige, aber dennoch ergebene Verwickelt-Sein in das Leben und die Pläne der Menschen

Die ewigen Gelage der zwei Brüder: Über Stunden sitzen sie sich gegenüber und essen gemählich Kartoffelsalat, Wurst, Käse, Brot. Sobald ihre Teller leer gegessen sind, wischen sie mit einem Stück Brot den Teller sauber und tun sich dann nochmal auf. Dabei halten sie eine strikte Redeordnung ein. Im Wechsel heben sie zu ausführlichen Erläuterungen an, meistens folgt eine Konklusion mit einigen erbaulichen Elementen, wie bei einer Predigt. Die Eltern sitzen mit am Tisch und hören andächtig zu

Besuch von Freunden aus dem Flachland: Diese Wut auf die Berge, die sich ausgerechnet an diesem Tag diskret hinter Nebelschwaden zurückziehen!

Die Regale in der Brocki quellen über mit Objekten, die Warenströmen der Vergangenheit entstammen. Es sind keine Waren mehr, sondern Unikate: Einzeldinge. Daher die Aufregung, die mich überfällt, sobald ich die Brocki betrete. Sobald der Konsum den faden Geschmack der Austauschbarkeit verloren hat, erneuert sich sein Versprechen. Nachdem ich einige Minuten wie im Blutrausch die Regale durchsucht habe, lasse ich die Hände sinken, um tief durchzuatmen

Das Ende der Metaphysik: Nie wieder sind Dinge einfach wie sie sind. Nichts ist unmittelbar. Es gibt keine ahistorische Unschuld der Gedanken

Die eigenartige Traurigkeit, die sich darauf bezieht, jemand Konkretes und damit in seinen Möglichkeiten Beschränktes sein zu müssen

Ich sehe dir dabei zu, wie du hungrig dein Essen verschlingst und mich rührt die sich darin erahnbare Einsamkeit deiner Existenz (und wie du sie auf dich nimmst)

Die Müllmänner verbreiten frühmorgens eine verwegene Gangstimmung: einer wirft dem anderen die Müllsäcke zu wie ein Footballspieler, der andere fängt sie auf und befördert sie mit einer geschmeidigen Drehung um die eigene Achse in das Müllauto. Als das Auto anfährt, springen sie hinten aufs Trittbrett. Mit einer Hand halten sie sich fest, mit der anderen Hand rauchen sie eine Zigarette. Die Zigarette halten sie zwischen Daumen und Zeigefinger (die Nebensächlichkeit und das Effektheiserische zugleich dieser Geste)

Der Duft frischer Schnittblumen: grünchemisch. Überhaupt Blumenläden. Das Auffahren einer verlockenden Oppulenz, die zum raschen Vergehen bestimmt ist. Ein Bouquet ist ein Ausschnitt dieser überbordenden Laden-Üppigkeit, die man quasi miteinkauft

Jannis Ritsos:
Der Augustmond glänzt in der Küche wie ein verzinnter Topf
Und: Der Berg, blau vor Ferne
(dieses „vor" verwandelt den physikalischen Zusammenhang von „blau" und „Ferne" in einen emotionalen.)
Und die Erklärung zerstört den poetischen Effekt

Die Krux des verdoppelten Vaters: Wenn du gerade so richtig viel Wut angesammelt hast auf den Inneren, überrascht dich der Äussere mit Liebenswürdigkeit

Die richtige Wortwahl entscheidet darüber, ob alles zerrinnt oder nicht. Wenn es zerrinnt, bleiben nur ein paar Worte

Dilbahar Askari lebt, schreibt und arbeitet in Basel. Kontakt: dilbahar.askari@posteo.de

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